David Bowie in Berlin

David Bowie is“: Eine Rückkehr in die alte Heimat – Die legendäre Ausstellung im Martin-Gropius-Bau (2014)

Im Frühjahr und Sommer 2014 erlebte die deutsche Hauptstadt ein kulturelles Großereignis, das weit mehr war als eine gewöhnliche Museumsretrospektive: Die Ausstellung „David Bowie“ (basierend auf der international gefeierten Schau „David Bowie is“ des Londoner Victoria and Albert Museums) machte vom 20. Mai bis zum 24. August 2014 Station im Berliner Martin-Gropius-Bau.

Für Bowie-Fans und die Stadt Berlin war es eine hoch-emotionale Angelegenheit. Schließlich kehrte der Künstler – zumindest durch sein Archiv – in die Stadt zurück, in der er in den späten 1970er Jahren Zuflucht fand und Musikgeschichte schrieb.

Das Konzept der Ausstellung

Die vom Victoria and Albert Museum (V&A) konzipierte Ausstellung gewährte einen beispiellosen Zugang zum privaten Archiv des Künstlers. Aus über 75.000 Objekten wurden rund 300 Exponate ausgewählt, um Bowies kreative Prozesse als Musiker, Modeikone, Schauspieler und Kulturphänomen zu beleuchten. Es war keine rein chronologische Biografie, sondern eine multimediale Reise durch seine verschiedenen Alter Egos und Schaffensphasen.

Die absoluten Highlights

Die Ausstellung bestach durch eine unglaubliche Dichte an Original-Artefakten. Zu den wichtigsten Highlights zählten:

  • Die ikonischen Kostüme: Zu sehen waren über 60 originale Bühnenoutfits. Darunter die extravaganten, asiatisch inspirierten Entwürfe von Kansai Yamamoto für die Aladdin Sane-Tour (1973), der hellblaue Anzug aus dem Life on Mars?-Video und der berühmte, von Alexander McQueen entworfene Union-Jack-Mantel vom Cover des Albums Earthling (1997).

  • Handgeschriebene Songtexte & Skizzen: Ein tiefer Einblick in sein Genie. Besucher konnten Bowies originale, oft stark durchgestrichene und korrigierte Notizen zu Welt-Hits wie Fame, Heroes oder Ashes to Ashes lesen.

  • Das immersive Audio-Erlebnis: Die Ausstellung setzte neue technische Maßstäbe. Ausgestattet mit einem ortsabhängigen Kopfhörersystem von Sennheiser, erlebten die Besucher einen fließenden 3D-Soundtrack. Die Musik, Interviews und Konzertmitschnitte passten sich automatisch dem jeweiligen Ausstellungsstück an, vor dem man gerade stand.

  • Fotografien und Set-Designs: Arbeiten weltberühmter Fotografen wie Brian Duffy, Terry O’Neill und Masayoshi Sukita zeigten die Entstehung seiner legendären Albumcover. Zudem gab es Modelle seiner aufwendigen Bühnenbilder (z.B. der Diamond Dogs-Tour) zu sehen.

Der Berlin-Schwerpunkt: Ein Exklusiv-Kapitel

Was die Station im Martin-Gropius-Bau von allen anderen weltweiten Stationen der Tour unterschied, war der stark erweiterte Berlin-Bereich. Da Bowie von 1976 bis 1978 in der Schöneberger Hauptstraße 155 lebte, wurde dieser Lebensabschnitt besonders gewürdigt:

  • Die Berliner Trilogie: Die Entstehung der Alben Low, „Heroes“ und Lodger, die teilweise in den berühmten Hansa-Studios nahe der Berliner Mauer aufgenommen wurden, wurde detailliert nachgezeichnet.

  • Gemälde und Kunst: Bowie war in Berlin nicht nur musikalisch kreativ, sondern malte auch viel, stark beeinflusst vom deutschen Expressionismus (insbesondere dem Brücke-Museum). Einige seiner eigenen, düsteren Gemälde aus dieser Zeit – etwa Porträts seines Mitbewohners Iggy Pop – wurden hier exklusiv gezeigt.

  • Zeitdokumente: Briefe, Fotografien seiner damaligen Lieblingsorte (wie das Kabarett bei Romy Haag) und Requisiten aus dem Film Schöner Gigolo, armer Gigolo, den er in dieser Zeit in Berlin drehte, machten die Symbiose zwischen dem Künstler und der geteilten Stadt greifbar.

Fazit und Wirkung

Die Ausstellung war ein gigantischer Publikumsmagnet und war fast durchgehend ausverkauft. Sie zeigte eindrucksvoll, dass David Bowie nicht nur ein Popstar, sondern ein interdisziplinärer Künstler war, der Mode, Design, Theater und Musik revolutionierte. Für Berlin war es 2014 ein nostalgisches und stolzes Fest – eine späte, große Hommage an einen ihrer berühmtesten „Wahlberliner“, bevor er rund anderthalb Jahre später, im Januar 2016, verstarb.

 

Anonymität, Kunst und Fahrradfahren:David Bowies Alltag im geteilten Berlin

Als David Bowie Ende 1976 nach Berlin zog, war er ein ausgezehrter Weltstar. Im sonnigen Los Angeles hatte er sich in eine gefährliche Spirale aus Kokain, Paranoia und okkulten Wahnvorstellungen manövriert. Er ernährte sich angeblich nur noch von Milch und Paprika. West-Berlin, die ummauerte Insel-Stadt im Kalten Krieg, bot ihm genau das Gegenteil von Hollywood: Graue Tristesse, rauen Charme und vor allem – Anonymität.

Der Alltag: Entzug durch Normalität

Die Berliner interessierten sich nicht sonderlich für den Glamour-Star. Genau das suchte Bowie. Sein Alltag in Berlin war geprägt von einer für ihn radikalen Normalität:

  • Kein Star-Rummel: Bowie konnte völlig unbehelligt mit dem Fahrrad durch Schöneberg fahren, mit der S-Bahn fahren oder zu Fuß einkaufen gehen.

  • WG-Leben: Er teilte sich eine klassische Berliner Altbauwohnung mit seinem Freund und Kollegen Iggy Pop, dem er ebenfalls beim Drogenentzug helfen wollte. (Iggy plünderte allerdings regelmäßig den gemeinsamen Kühlschrank, was zu gelegentlichen WG-Streitigkeiten führte).

  • Kunst und Kultur: Statt exzessiver Partys standen oft Museumsbesuche und das Malen im eigenen Atelier auf dem Tagesplan.

Bowies wichtigste Stationen in Berlin

Wenn Bowie in Berlin unterwegs war, zog es ihn an ganz bestimmte Orte, die heute für Fans als Pilgerstätten gelten:

  • Die Wohnung (Hauptstraße 155, Schöneberg): Ein schlichter Altbau. Von hier aus starteten Bowie und Iggy Pop in den Tag. Gleich nebenan lag (und liegt) das Café Anderes Ufer (heute Neues Ufer), eines der ersten offenen Schwulencafés Europas. Bowie trank hier oft seinen Kaffee und trug maßgeblich dazu bei, dass sich die Scheiben des Lokals nicht mehr hinter Vorhängen verstecken mussten.

  • Die Hansa-Tonstudios (Köthener Straße, Kreuzberg): Bekannt als „The Hall by the Wall“. Die legendären Studios befanden sich in unmittelbarer Nähe zur Berliner Mauer. Vom Fenster aus konnten Bowie und sein Produzent Tony Visconti die DDR-Grenzposten sehen. Als Visconti dort heimlich eine der Background-Sängerinnen an der Mauer küsste, inspirierte dieser Anblick Bowie zum Text seines größten Hits: „I can remember / Standing, by the wall / And the guns, shot above our heads / And we kissed, as though nothing could fall“ (Heroes).

  • Das Brücke-Museum (Dahlem): Bowie war fasziniert vom deutschen Expressionismus. Er verbrachte Stunden in diesem Museum am Rand des Grunewalds. Das Gemälde „Roquairol“ von Erich Heckel inspirierte sowohl Bowies eckige Körperhaltung auf dem Cover des Albums „Heroes“ als auch Iggy Pops Pose auf dem Cover von „The Idiot“.

  • Chez Romy Haag (Fuggerstraße, Schöneberg): Das Nachtleben kam natürlich nicht ganz zu kurz. Das legendäre Kabarett der transsexuellen Künstlerin Romy Haag war ein Lieblingsort Bowies. Er und Romy Haag hatten in dieser Zeit auch eine intensive Affäre.

  • SO36 (Kreuzberg) und Dschungel (Schöneberg): Hier tauchten Bowie und Iggy in die entstehende Punk- und New-Wave-Szene der Stadt ein.

  • Die Paris Bar (Kantstraße, Charlottenburg): Das Künstlertreffpunkt-Restaurant der West-Berliner Bohème. Hier feierten Bowie und Iggy Pop gern und ausgiebig. Ein legendäres Interview mit dem Rolling Stone Magazin fand hier statt – und endete damit, dass Iggy Pop betrunken über die Tische rollte.

Die Rettung

Berlin war für Bowie eine musikalische und persönliche Reinigung. Ohne den Druck der Musikindustrie, umgeben von der Melancholie der Mauerstadt und der Krautrock-Szene (Bands wie Kraftwerk und Neu!), schuf er hier Musik, die ihrer Zeit um Jahre voraus war.

Der Sound der Mauerstadt: Wie die Berliner Trilogie entstand

Um diesen völlig neuen Sound zu kreieren, holte sich Bowie zwei entscheidende Partner an seine Seite: Den brillanten Produzenten Tony Visconti und den Avantgarde-Musiker und Synthesizer-Pionier Brian Eno. Zusammen bildeten sie ein kreatives Dreigestirn, das im Studio mit völlig unkonventionellen Methoden arbeitete.

Das Epizentrum: Die Hansa-Tonstudios

Obwohl die Trilogie den Namen Berlins trägt, wurde tatsächlich nur „Heroes“ komplett dort aufgenommen. Dennoch prägten die Hansa-Studios (Studio 2) den Geist dieser ganzen Epoche.

Das Studio befand sich im alten Meistersaal, einem ehemaligen Ballsaal mit einer fantastischen, hallenden Akustik. Die Lage war surreal: Das Gebäude stand quasi direkt im Todesstreifen der Berliner Mauer. Aus den Fenstern konnten die Musiker die ostdeutschen Grenzsoldaten in ihren Wachtürmen sehen – und umgekehrt. Diese beklemmende, isolierte und gleichzeitig raue Atmosphäre kroch buchstäblich in die Aufnahmen.

Die drei Alben im Detail

1. Low (1977) – Der radikale Bruch

Low wurde größtenteils in Frankreich (im Château d’Hérouville) aufgenommen, aber in Berlin fertiggestellt und abgemischt. Das Album schockierte Bowies Plattenfirma zutiefst, denn es brach mit allen Konventionen:

  • Die Struktur: Die erste Plattenhälfte bestand aus zersplitterten, unkonventionellen Pop-Songs. Die zweite Hälfte bestand aus düsteren, atmosphärischen Instrumentalstücken, die stark von Brian Enos Ambient-Experimenten geprägt waren.

  • Der Snare-Drum-Sound: Tony Visconti nutzte ein völlig neues Gerät, den Eventide Harmonizer. Er veränderte den Klang von Dennis Davis‘ Schlagzeug so, dass die Snare-Drum mechanisch und wie ein Peitschenhieb klang – Visconti beschrieb das Gerät damals augenzwinkernd so: „Es fickt mit der Struktur der Zeit“. Dieser Drum-Sound prägte die gesamten 80er Jahre.

2. „Heroes“ (1977) – Das Meisterwerk der Mauer

Das Herzstück der Trilogie und das einzige Album, das komplett in den Hansa-Studios entstand. Es ist lauter, treibender und optimistischer als Low.

  • Krautrock-Einflüsse: Bowie war fasziniert von deutschen Bands wie Kraftwerk und Neu!. Der treibende Rhythmus des Albums ist eine direkte Verneigung vor der musikalischen Avantgarde Deutschlands (der Song „V-2 Schneider“ ist z.B. nach Florian Schneider von Kraftwerk benannt).

  • Der vokale Trick beim Titeltrack: Der Song „Heroes“ baut sich von einer ruhigen Ballade zu einem verzweifelten Schrei auf. Tony Visconti löste das technisch brillant: Er stellte drei Mikrofone für Bowie auf. Eines direkt vor ihm, eines ein paar Meter entfernt und eines am anderen Ende des riesigen Saals. Die hinteren Mikrofone schalteten sich erst ein, wenn Bowie lauter sang. Dadurch klingt seine Stimme am Ende des Songs, als würde er gegen die Wände des Saals (und sinnbildlich gegen die Berliner Mauer) ansingen.

  • Zufall als Prinzip: Brian Eno brachte seine berühmten „Oblique Strategies“-Karten mit ins Studio. Das waren Karten mit kryptischen Anweisungen (z.B. „Betone die Fehler“ oder „Tausche die Instrumente“), die gezogen wurden, wenn die Band feststeckte, um kreative Blockaden zu brechen.

3. Lodger (1979) – Der Epilog

Obwohl es zur Berliner Trilogie gezählt wird, wurde Lodger in der Schweiz und in New York aufgenommen. Bowie hatte Berlin zu diesem Zeitpunkt bereits verlassen.

  • Rückkehr zum Songformat: Es gibt keine Instrumentalstücke mehr auf diesem Album. Die Struktur ist wieder zugänglicher, aber die Arrangements bleiben experimentell.

  • Weltmusik: Bowie und Eno experimentierten hier mit Rhythmen und Instrumenten aus der Türkei und Afrika, was das Album zu einem frühen Vorreiter der Pop-Weltmusik machte.

Das musikalische Erbe

Die Berliner Trilogie war kommerziell zunächst ein Risiko, erwies sich aber als wegweisend. Post-Punk, New Wave, Synthie-Pop, Industrial und Alternative Rock – all diese Genres wären ohne die Vorarbeit, die Bowie, Eno und Visconti in den späten 70ern in den Schatten der Berliner Mauer leisteten, kaum denkbar gewesen.

zur englischen Version: hier